„Klare Kante – offenes Herz: Theologischer Kompass in polarisierten Zeiten“

04.05.2026 | Jahrestagung 2026 befasst sich mit fundamentalistischen Strömungen in der Kirche

Unter dem Motto „Klare Kante – offenes Herz“ fand am 29. April die Jahrestagung des Handlungsfelds Spiritualität & Seelsorge des Bischöflichen Jugendamtes statt. Die Impulsvorträge der Experten Andreas Oelze von der Fach- und Beratungsstelle für Weltanschauung der evangelischen Landeskirche Württemberg und Christian Österbauer von der Hauptabteilung Glaubensfragen & Ökumene der Diözese Rottenburg-Stuttgart, setzten einen klaren Fokus: Wie kann Kirche authentisch, differenziert und hoffnungsvoll bleiben, wenn gesellschaftliche Debatten durch pauschalisierende Sprache und emotionale Aufladung geprägt sind?

 

Gleich zu Beginn der Tagung wurde betont, dass Begriffe wie „rechts“, „konservativ“, „fundamentalistisch“ und „evangelikal“ besonders in den sozialen Medien oft emotional aufgeladen und pauschalisiert werden. Es bedarf einer Auseinandersetzung und differenzierten Betrachtung der Begriffe, um echte Verständigung untereinander zu ermöglichen. Während Konservativismus als Haltung verstanden wird, die das Bestehende bewahren will, steht „rechts“ historisch und soziologisch für Ungleichheit, Abgrenzung und Macht und ist oft eine Reaktion auf Angst vor sozialem Abstieg.

Die rund 40 Teilnehmenden diskutierten auch, ob die Gesellschaft tatsächlich so gespalten ist, wie sie sich anfühlt. „Soziologisch gesehen bleibt die Mehrheit in der Mitte – das sogenannte ‚Dromedar‘“, so Oelze. „Die scharfe Polarisierung, die wir wahrnehmen, ist oft eine ‚kommunikative Polarisierung‘ – besonders im Netz, wo Algorithmen extreme Aussagen belohnen.“

Ein besonderer Fokus der Tagung lag auf dem Begriff des Fundamentalismus – oft pauschal mit „rechts“ oder „evangelikal“ verwechselt. Per Definition ist damit jedoch „kompromissloses Festhalten an Grundsätzen“ gemeint und ist eine Reaktion auf den Verlust von Autorität durch Moderne, Pluralismus und Relativismus. Der Fundamentalismus hat verschiedene Formen: Bibelfundamentalismus, Traditionalismus, Salafismus (islamisch) – aber auch „Geistfundamentalismus“ im pfingstlich-charismatischen Bereich, bei dem der Heilige Geist als direkte Offenbarungsquelle gilt. „Wichtig ist: Nicht alle Evangelikalen sind Fundamentalisten – und nicht alle, die sich ‚Baptisten‘ nennen, sind fundamentalistisch einzuordnen“, warnte Oelze. „Der Begriff ist nicht geschützt – und das führt zu Fehlwahrnehmungen.“ Auch im Katholizismus gibt es fundamentalistische Strömungen, etwa im Traditionalismus oder im Lehramts-Fundamentalismus. 

Die Tagung rief alle Teilnehmenden dazu auf, differenziert zu denken und zu handeln: Nicht pauschalisieren, nicht in Mythen verfallen, wie etwa „Christen werden in Deutschland verfolgt“. Kommunikative Polarisierung nicht mitmachen. Im Netz klar, aber nicht polarisierend äußern und im Gespräch fragen, zuhören, differenzieren. Denn nur so bleibt die Kirche ein Raum der Begegnung, des Dialogs und der Hoffnung – auch in polarisierten Zeiten.“