Kuschelkurs adieu - Unterschiede erkennen und aushalten

13.01.2017 | Jugendseelsorgetagung 2017 testet Resonanzpädagogik für eine gelingende kirchliche Jugendarbeit

Die diesjährige Jugendseelsorgetagung des BDKJ der Diözese Rottenburg-Stuttgart vom 9. bis 12. Januar 2017 in Rot an der Rot thematisierte den Umgang mit kulturellen Unterschieden im Arbeitsfeld der kirchlichen Jugendarbeit. Dabei setzten sich die knapp 100 TeilnehmerInnen mit ihrer eigenen kulturellen Prägung auseinander und suchten in der Resonanzpädagogik eine Antwort auf den Umgang mit dem Fremden, Anderen und der bestehenden Differenz.

 

Jeder Mensch „tickt“ anders, geprägt durch sein kulturelles Umfeld. Anderen Personen und Sachverhalten außerhalb seiner Wertevorstellungen begegnet er mit bestimmten Erwartungen, Vorurteilen oder Abneigungen. Wie mit diesem Fremden dennoch eine gelingende Beziehung aufgebaut werden kann, diskutierten die TagungsteilnehmerInnen mit Maximilian Engl, Diplomtheologe und Leiter des Instituts für kulturbewusste Kommunikation (KUBIKOM). „Im Umgang mit dem Fremden ist es wichtig, sich seiner eigenen Werte, Vorurteile und Abneigungen klar zu sein. Sie sagen mehr über einen selbst aus, als über das fremde Gegenüber“, erklärt Engl. Wenn man sich offen auf den anderen einlässt, sich auch möglichen Irritationen aussetzt, dann kann es zu einer gemeinsamen Verständigung kommen. Die Resonanzpädagogik nach Hartmut Rosa spricht dabei von einer gemeinsamen Schwingungsebene, einem Knistern oder einem Resonanzdraht, der zum Glühen kommt.

Bei Exkursionen nach Memmingen und Biberach setzten die TeilnehmerInnen die Theorie in die Praxis um. Dort trafen sie etwa auf Gefängnisseelsorger Oliver Föhr, auf Arbeiter der Handtmann Metallgusswerk GmbH & Co. KG, einen Transsexuellen oder Felix Benneckenstein, einen Aussteiger aus der rechten Szene. Eine Reihe von Workshops mit weiteren Beispielen gelungener Resonanzbeziehungen boten darüber hinaus Impulse für die eigene pastorale Jugendarbeit vor Ort. Sei es in der Zeltlagerfreizeit mit jungen Flüchtlingen, im Arbeitskreis Asyl oder beim Religionsunterricht mit einer Berufsschulklasse. In praktischen Übungen lernten die JugendseelsorgerInnen zudem einige Methoden und Kniffe, um populistischen Stammtischparolen zu widersprechen.

In einer abschließenden Diskussionsrunde gingen Dr. Michael Schüßler, Professor für Praktische Theologie an der Universität Tübingen und Dr. Bernd Hillebrand, Hochschulseelsorger in Tübingen, der Frage nach, wo die Grenzen der von Soziologe Rosa definierten Resonanz liegen. „Grundsätzlich ist festzuhalten, dass Resonanz nicht planbar ist. Sie passiert oder eben auch nicht“, meint Schüßler. „Es geht in der kirchlichen Jugendarbeit eher darum Resonanzräume zu eröffnen, die dieses Knistern zwischen den Menschen ermöglichen können“, bekräftigt Bernd Hillebrand. Bestimmte Settings, die eigens für eine gelungene Begegnung ausgewählt werden, sind somit keine Garantie für eine funktionierende Resonanzbeziehung. Schüßler betont, dass solange das Gegenüber nicht ebenfalls zu einer wertfreien Annäherung bereit sei, oder sich gleichermaßen emotional ergreifen lasse, könne man nicht von Resonanz sprechen.
Dies trifft auch bei so genannten Echobeziehungen zu, die lediglich die eigenen Wertevorstellungen wiederspiegeln und keine fremden Sichtweisen zulassen. Gerade die kirchliche Jugendarbeit ist anfällig für diesen Trugschluss, da sie viele kleine pastorale Echokammern mit gleichdenkenden, gleich sozialisierten, gleich tickenden Jugendlichen schafft. Schüßler appellierte an die Tagungsteilnehmer den Kuschelkurs zu verabschieden, sich radikal dem Fremden zu öffnen, Unterschiede wahrzunehmen und sie auszuhalten.

Dr. Michael Schüßler
Dr. Bernd Hillebrand